Page — Schlaflos
March 18, 2006 2:20am (edit)
Er lag wach. Warum? Er wusste es selbst nicht. Früher hatte er auch hin und wieder wachgelegen. Aber das war anders gewesen. Er hatte immer an irgendwas denken müssen, den jeweiligen Grund seiner Schlaflosigkeit, an eine Klausur, ein Date, eine Prüfung, oder sonst irgendetwas.
Jetzt aber lag er wach, an gar nichts denkend. Es lag morgen nichts besonderes an. Alltag. Sonst nichts. Dennoch lag er wach und konnte partout nicht einschlafen, so sehr es versuchte.
Er stand auf. Irgendetwas musste er ja tun. Er ging in die Küche seiner kleinen Wohnung und entschloss sich, etwas zu essen. im Kühlschrank waren noch Nudeln. Mikrowelle, 1 Minute, etwas Schmand und einen Löffel Pesto. Für diese Uhrzeit köstlich, wenn jetzt auch nicht zwingend ein kulinarischer Hochgenuß. Dazu noch ein wenig Mineralwasser, selbstverständlich still.
Eine Viertelstunde später lag er wieder im Bett. Die Uhr zeigte viertel vor zwei. Er sollte jetzt unbedingt schlafen, dachte er. Sonst bräuchte er morgen Streichhölzer um die Augen auf zu halten - Müdigkeit war nicht gut, gerade nicht im Alltag. Wenn man etwas nervös war, hatte Müdigkeit ja eine angenehm beruhigende Wirkung. Aber er war nicht nervös. Und im sonstigen Alltag war Müdigkeit absolut lästig, insbesondere wenn er morgen Abend doch ins Kino wollte. "Wollen", war zwar relativ, aber "müssen" wäre dann doch zu hart. Er würde mit Freunden ins Kino gehen, ein neuer Film, irgendsowas Neues aus Hollywood, Mischung aus Action und Schnulze. Wenn er jetzt nicht einschlafen würde, dann würde er es morgen im Kino tun, und so etwas war ihm äußerst unangenehm. Leute, die im Kino einschlafen, hatte er immer gedacht, seien entweder Kulturverächter oder überarbeitete Mid-Life-Crisis Opfer. Und zu diesen Gruppen wollte er sich nicht zählen müssen - und er würde sich lächerlich machen, wenn...
Da er nicht weiterdenken wollte, stand er auf und ging ins Bad. "Bad", er mochte diesen Begriff, weil er so überhaupt nicht zu diesem kleinen, schmalen Raum passte. Nachdem er sich, wie jedes Mal, wenn er vergessen hatte, rechtzeitig Licht anzuschalten, den Kopf an der Haltestange des Duschvorhangs gestoßen hatte, und er dann doch Licht gemacht hatte, stand er vorm Spiegel und überlegte sich, was er denn wohl hier gewollt haben könnte.
Wieder im Bett, mit noch säubereren Zähnen und gewaschenen Händen, wurde er sich mit einem Blick auf die Uhr klar, das er nun wirklich schlafen sollte. Er wäre sonst morgen zu müde, viel zu müde. Und käme zu dieser Müdigkeit noch ein wenig Pech, und er wäre allzu unkonzentriert, und das würde ein Vorgesetzter merken... Vielleicht würde er eine Abmahnung bekommen. Vielleicht würde er seinen Job verlieren. Kein Job, keine Freunde. Dann bald keine Wohnung mehr, denn ohne Job war auch diese kleine Wohnung kaum zu finanzieren. Und das im Winter. Er würde garantiert erfrieren, so als Neuling da draußen. Keine Chance. Tod. Keiner würde zu seiner Beerdigung kommen - oder würde er nicht so oder so nur verscharrt werden. Trostlos. Vergessen, wie alle ohne Besitz, Kapital, Moneten.
Bevor er weiterdenken konnte, war er eingeschlafen.
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